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„Kultur allein wird die Region nicht retten“

Auf dem Weg nach Bad Eisenkappel fährt man eine gefühlte Ewigkeit durch den Graben, links und rechts Geröll, Berge und Wälder. Irgendwann glaubt man nicht mehr, dass da noch was kommt, fragt sich, ob man nicht irgendwo falsch abgebogen ist und irgendwo umdrehen soll. Und dann: Bad Eisenkappel / Železna Kapla!

Auf den ersten Blick ist der kleine Ort im Graben ziemlich unscheinbar. Bevor man den Ortskern erreicht sieht man  noch eine Filiale einer großen Supermarktkette. Nichts Außergewöhnliches bis jetzt, ein Kaff wie viele andere. Was macht diese Region so spannend? „Wenn man erst mal hier war und Lipuš  oder Maja gelesen hat, dann lernt man ja auch zwangsläufig die Region und die Mentalität der Leute kennen. Das Schroffe der Region spiegelt sich auch in vielem hier wieder und kann ganz anregend sein. Die Region bietet Ent­spannung durch die saubere Natur aber auch zugleich etwas für den Geist.“, so Birgit Sommer.

Im Ortskern gibt es noch eine Bäckerei und einen Fleischer – allein das hebt Bad Eisenkappel von Orten vergleichbarer Größe ab, in denen der Ortskern tot ist und die Geschäfte leer stehen. „Ohne Autobahn und Eisenbahn hat man sich die Adern durchgeschnitten und wirt­schaftlich gelitten. Aber durch diesen natürlich gewachsenen Kulturraum jenseits von Grenzen, der Jahrzehnte lang vorhanden war, ist ein Potenzial da.“, meint Zdravko Haderlap. „Die Perspektive liegt im Schärfen der eigenen Sinne, wenn man wahrnimmt, was alles schon da ist, wird man feststellen, dass eh schon alles da ist, was Bad Eisenkappel braucht. Es liegt nur im Verborgenen und diese Situation hat eine Bevölkerung hervorgebracht, die weniger über den Tellerrand hinausdenkt und die, die gestalterisch gedacht haben, sind weg gezogen.“, ergänzt er.

Zwischen erschütternder Gegenwart und ungewisser Zukunft

Bad Eisenkappel ist vor allem wegen seiner dunklen Vergangenheit bekannt, die Ereignisse um den Zweiten Weltkrieg haben ihre Wunden hinterlassen. Um einen Eindruck davon zu bekommen bietet es sich an, sich mit der Literatur des Ortes zu beschäftigen: Zum Beispiel Boštjans Flug von Florjan Lipuš oder Engel des Vergessens von Maja Haderlap. Viele Kulturinteressierte, nicht nur aus Kärnten, finden den Weg nach Bad Eisenkappel durch die Literatur. Zdravko Haderlap findet, dass Kultur sehr viel zur Regionalentwicklung beitragen kann: „Es ist ja geografisch alles sehr be­engt und die Menschen denken zum Teil sehr beengt. Das Geografische prägt das. Diese Re­gion hat eine Stärke: Durch die Vernachlässigung im 20. Jahrhundert und die Zerspaltung und das Misstrauen – vor allem der zweite Weltkrieg war ein Bruch - aber die Region hat auch Leute hervorgebracht, die eine Stellung dazu bezogen haben, vor allem in der Literatur: Florjan Lipuš  wurde geprägt von dieser Region und wenn man seine Geschichte kennt, kann man auch seine Literatur besser verstehen, kann nachvollziehen warum er solche Sätze schreibt.“, so Haderlap. „Diese Literatur ist eine Botschaft die nicht lokal zu verstehen ist, sondern die ja auch in die Welt hinausgetragen wird und somit interessieren sich auch andere dafür, und auch für die Region. Das bringt kulturtouristisches Potenzial! Menschen werden neugierig auf etwas, das Jahr­zehnte lang verborgen und fast vergessen war.“, das merkt Zdravko Haderlap auch bei seinen Wanderungen.

Ein bisschen Größenwahn kann nicht schaden

Im Winter trifft man kaum jemanden am Hauptplatz, am ehesten noch in der Konditorei. Schräg gegenüber davon befindet sich die Galerie Vorspann/Galerija Vprega, wahrscheinlich die einzige Institution in Kärnten die den Alpen-Adria-Gedanken auch wirklich lebt und nicht nur als Floskel verwendet. Die Galerie ist zwar sehr klein, hat aber einiges zu bieten. Wer in der kalten Jahreszeit in der Galerie vorbeischauen möchte, sollte aber telefonisch einen Termin vereinbaren. Im Sommer profitiert die Galerie von der Lage neben der Obir Tropfsteinhöhle, die jährlich tausende Touristen anzieht, und zeigt monatlich wechselnde Ausstellungen von Mai bis September oder Oktober. Die Galerie wird von Kulturinteressierten, auch über Kärntens Grenzen hinaus, sehr geschätzt. „Die Galerie wird sicher keine Arbeitsplätze schaffen, aber sie verschafft Identität und Interesse.“, bemerkt Haderlap realistisch.

Zur Feier des 10-jährigen Bestehens der Galerie haben sich die Betreiber etwas Besonderes einfallen lassen: Mit Beiträgen von zahlreichen Künstlern haben sie das seit Jahren leerstehende Hotel Obir im Zentrum des Ortes bespielt. Durch das Projekt „Hotel Obir Reception“ haben Andreas Jerlich und Norbert Klavora einen kulturellen Entprovinzialisierungsprozess in die Wege geleitet, der Kunst als Nahversorger in der Region etabliert und die Hoffung auf Neuorientierung und Wiederbelebung in eine Region bringt, die vom wirtschaftlichen Niedergang und fehlenden Perspektiven bedroht wird. Das Hotel Obir steht zwischen Verfall und der Hoffnung auf Revitalisierung, ist eine Schnittstelle zwischen Architektur und bilden­der Kunst, eine Brücke zwischen Vergangenheit und ungewisser Zukunft. Dieses Projekt ist durchaus ehrgeizig, wie die Akteure die dahinter stehen, manche hätten es vielleicht zu Be­ginn als größenwahnsinnig beschrieben – der Erfolg gab den Initiatoren aber Recht. „Hotel Obir Reception“ ist kaum mit einem anderen Ausstellungsprojekt der letzten Jahre in Kärnten, Österreich und auch im deutschsprachigen Raum zu vergleichen.

Einen Graben weiter liegt dann Zdravko Haderlaps A-Zone, der Vinklhof.

Zdravko Haderlaps A-Zone ist mehr als ein Bergbauernhof: Es ist ein Kreativmotor für die Region mit einem vielschichtigen Angebot. Der Vinklhof in Lepen/Lepena ist als Bildungszentrum zu verstehen, welches Natur, Geschichte und Kultur für seine Besucher verschiedenster Altersgruppen zum Erlebnis macht. „Zdravko ist ein kompetenter Allrounder: Er weiß was hier wächst, wie das geologisch entstanden ist, kennt die Familiengeschichten, das Zeit- und Kulturhistorische der Region. Bei der transformale war das eine richtige Theaterinszenierung, jetzt gibt es verschiedene Thematische Schwerpunkte. Es sind Erzählungen beim Gehen und das macht diese Wan­derungen zu etwas Besonderem. Verlassene Höfe zeugen zum Beispiel von der Abwanderung, die literarischen Wanderungen zeigen den sprachlichen und literarischen Reichtum der Re­gion.“, erklärt Birgit Sommer.

Ein besonderes Projekt der letzten Jahre von Haderlap waren Konzept und Inszenierung der kulturhistorischen Wanderung Engel der Erinnerung nach Maja Haderlaps Roman Engel des Vergessens im Rahmen der transformale 2013. Diese Inszenierung hatte 2014 die Verleihung des outstanding artist award für innovative Kulturarbeit zur Folge. Viele von Zdravkos Besuchern kommen immer wieder her und gehen der Spur nach, die ihnen der Zdravko gelegt hat.

Zdravko Haderlap und Birgit Sommer sind bei unserem Gespräch und einer Tasse Kaffee in der gemütlichen Küche kaum zu bremsen. Nur bei einer Angelegenheit hält sich Haderlap sehr bedeckt: Seinem neuen Projekt „Das Lächeln Gottes“, welches am 17. März in Tratten bei Ferlach uraufgeführt wird. Eine Kärntner Groteske, ein choreografisches Theater, Tonc Feinig ist für die Musik zuständig, aber er will noch nicht zu viel verraten. Na gut, dann lassen wir uns überraschen!

 

„Das Lächeln Gottes ist das letzte Relikt der transformale. Damit hat man ein Sprachrohr errichtet, oder wollte es schaffen, das über Kärnten hinaus reicht.“, so Haderlap. Dass die transformale gestrichen wurde ist für Haderlap nicht begreifbar: „Damit hat man sich ins eigene Fleisch geschnitten. Dieses kurzsichtige und fahrlässige Denken halt. Das sollte man schleunigst wieder aufnehmen.“

Kultur allein kann die Region nicht retten!

Birgit Sommer findet auch, dass Bad Eisenkappel Potenzial hätte. „Es ist das einzige Kärntner Kaff das es neben Griffen mit Handke geschafft hat in die FAZ zu kommen. In so einer Enge braucht man für das Geistige überleben das Kreativ-sein. Den Grundstock lernt man in den traditionellen, örtlichen Vereinen. Vor allem Zdravkos Gene­ration wurde auf diese Weise wirklich stark kulturell vorgebildet. Wenn ein Geist will, lässt er sich nicht aufhalten. Jetzt sind die Grenzen weg und daraus entstehen wieder andere Mög­lichkeiten.“

Aber: „Kultur allein kann die Region nicht retten.“, stellt Haderlap fest.

Birgit Sommer hat vor allem einen Kritikpunkt, eine Kleinigkeit, die heute aber unabdingbar ist: „So eine Region bräuchte aber ein gutes Internet. Man könnte theoretisch überall ar­beiten, vor allem die Kreativwirtschaft könnte hier arbeiten, aber das Kommunizieren mit der Außenwelt ist schwierig. Die Übertragungszeiten lassen das aber nicht zu, weil die Internet­verbindung so schlecht ist.“ Das wurde auch schon in Gesprächen mit Politikern angebracht, bis jetzt ist aber nichts passiert.

„Immer wieder hofft man, dass irgendwer schon Arbeit schaffen wird. Aber Kultur kann auch diesen Prozess auslösen, dass die Menschen sich bewusst werden: Wenn ich arbeiten will, muss ich mir die Arbeit selbst schaffen. Es gibt hier keine Infrastruktur, hier werden keine großen Betriebe hingestellt. Aber die Region hat individuelles Potenzial, für das Kleine und Spezielle.“, erklärt Haderlap. Die Marktgemeinde ist auf innovative wirtschaftliche Zukunftskonzepte angewiesen, da es der Gemeinde ein Anliegen ist, die Abwanderung zu stoppen, im ländlichen Raum attraktive Arbeitsplätze zu schaffen und die Besonderheiten der Region zu nutzen. Jedoch wurden solche Ideen, die zum Beispiel bei einem Workshop im Zuge von „Hotel Obir Reception“ er­arbeiten wurden, bisher noch nicht genauer geplant oder realisiert.

Life in a nutshell

Was für Bad Eisenkappel im Kleinen gilt, kann auch auf Kärnten umgelegt werden.

Haderlap findet, dass wir alle extrem geprägt sind von Kärntner Kulturpolitik und es gäbe großen Nachholbedarf! „So ein kleines Bundesland, das alles vor der Nase hat, lässt alles verkommen und tut so als gäbs das überall.“, fügt Birgit Sommer hinzu. „Wie eine Wüste mit vielen Blumen die aber keiner sieht“, ergänzt Zdravko Haderlap. Gut finden die beiden aber, die Brücke, als landesweite Kulturzeitschrift – das leistet sich ja kaum eine Region.

Die beiden sind neugierig was aus dem Jahr der freien Initiativen wird: „Es wird die Möglichkeit eingeräumt, dass sie sich positionieren und zeigen können, dass sie da sind. Ich denke, wenn das jetzt läuft, liegt es an den freien Initiativen selbst was sie daraus machen. Weil momentan schauts von Seiten der Politik ja verhältnismäßig gut aus. Oft ist es ja so, dass man aufbegehrt hat und wenn man dann die Möglichkeit hatte, sind die Initiativen oft an sich gescheitert.“, so Haderlap.

Zum Schluss vergleicht Zdravko Haderlap die Kultur mit der Imkerei: Es brauche viele über das Land verstreut, um eine flächendeckende Bestäubung und damit auch Fruchtbares zu ermöglichen.

http://haderlap.at/

https://twitter.com/Gottes_Laecheln

https://www.facebook.com/daslaechelngottes/

http://www.galerievorspann.com/

 

Anna Ennemoser am

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